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Wie erklärt man ein Attentat?

Auf einem dunklen Hintergrund mit verschwommenen Lichtern steht ein Fragezeichen.

Es ist Freitagabend, der 22. Juli. Nur vier Kilometer Luftlinie von uns schießt ein Mann im Olympia-Einkaufszentrum wahllos auf Menschen. Lange Zeit ist unklar, ob es sich dabei um einen Einzelfall handelt oder in München gleichzeitig mehrere Attentate verübt werden. Ich befinde mich in der unangenehmen Lage, darüber zu entscheiden, wie ich meinen Mitbewohner*innen mit „geistiger Behinderung“ die Situation erkläre.

Anmerkung: Wir pflegen in diesem Blog, Menschen mit „geistiger Behinderung“ (wie auch immer man es politisch korrekt ausdrücken möchte) nicht als einheitliche Gruppe darzustellen, sondern mit ihrem Namen und ihren ganz individuellen Charakterzügen, wie sie jeder Mensch hat. Viele Artikel sind von ihnen selbst geschrieben. In diesem Artikel ziehe ich es allerdings vor, sie anonym zu lassen.

Gerade haben wir den Pizzateig zubereitet und gut durchgeknetet, da bekomme ich von einer Freundin die Nachricht, es gäbe im Olympia-Einkaufszentrum eine Schießerei.

Ich gehe ins Wohnzimmer und bitte meine Mitbewohnerin auf einen Nachrichtensender umzuschalten. Der Moderator im Fernsehen versucht uns in den Gesprächen mit seinen Außenkorrespondenten einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Er zeigt Bilder und Videos, die im Internet kursieren und gibt minütlich andere Angaben dazu, ob es sich um einen oder mehrere Täter und Tatorte handle.

Meine Freundin und ich nehmen die Smartphones zur Hand und versuchen herauszufinden, ob es all unseren Freunden und Verwandten gut geht. Meine Mitbewohnerin fragt sichtlich irritiert von unserer getrübten Stimmung, ob sie nun ihre Serie weiterschauen kann.

Es klingelt das Telefon, meine Mitbewohnerin hebt ab und begrüßt freudig einen ehemaligen Mitbewohner am anderen Ende der Leitung. Verwirrt von dessen gedrückter Stimmung reicht sie ihn an mich weiter. Ich versichere ihm, dass es uns gut geht und wir tauschen uns kurz über die tragischen und unübersichtlichen Vorkommnisse aus.

Ich gehe in die Küche, um den Pizzateig auf die Bleche zu rollen. Mein Mitbewohner kommt aus seinem Zimmer. Er fragt, ob wir mitbekommen haben, was im Olympia-Einkaufszentrum passiert ist. Im nächsten Moment fragt er, warum die Pizza immer noch nicht im Ofen sei. Ich erkläre ihm, dass ich etwas geschockt davon sei, dass ein Mann mehrere Leute erschossen habe – und das nur etwa 4 Kilometer Luftlinie von uns. Und dass man immer noch nicht wisse, wo der Täter sei und ob es noch mehr Anschläge in München gebe.

„Früher hat meine Mutter oft gerufen, dass wir rein kommen sollen, weil wieder Bomben kommen.“, sagt Marija im Vorbeigehen. Sie ist während der Jugoslawienkriege in Kroatien aufgewachsen. „Man gewöhnt sich daran.“

Meine Mitbewohnerin ist mittlerweile vom Fernseher aufgestanden und fragt mich, warum wir alle so komisch sind. Ich fühle mich unwohl in der Situation darüber zu entscheiden, wie und was ich ihr von den Vorkommnissen erklären soll. Gerade, weil für mich selbst die Lage total unübersichtlich ist. „Ein Mann hat im Olympia-Einkaufszentrum mit einer Pistole um sich geschossen.“, sage ich nur immer wieder. „Wir waren dort schon ab und zu einkaufen, erinnerst Du Dich?“, füge ich manchmal hinzu. „Ich habe Angst.“, sagt meine Mitbewohnerin später. „Das brauchst Du hier in der WG nicht.“, versuche ich sie zu beruhigen.

Auch jetzt im Nachhinein bin ich mir noch unsicher. „Es hätte viel Angst und Schock verhindert werden können, wenn weniger Leute gleich davon gewusst hätten und panisch Unwahrheiten im Internet verbreitet hätten.“, denke ich mir auf der einen Seite. „Jeder Mensch soll am öffentlichen Leben teilhaben können, dazu gehören nun mal auch gewaltsame Attentate. Und manche brauchen dafür eben Unterstützung und Erklärungen.“, denke ich mir auf der anderen Seite. „Aber müsste ich sie dann nicht auch über andere Anschläge oder Katastrophen informieren?“, entgegne ich mir wieder selbst.

Letztendlich stand die Pizza gegen halb zehn auf dem Tisch. „Schmeckt super!“, sagt mein Mitbewohner, der die ganze Zeit in seinem Zimmer war und nichts von den Vorkommnissen mitbekommen hatte. „Das ist wohl die Hauptsache.“, denke ich mir.

Wie würdet ihr Euch in der Situation verhalten? Wie habt ihr es Euren Mitbewohner*innen mit geistiger Behinderung erklärt? Über Eure Kommentare würde ich mich dieses Mal besonders freuen.


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