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Traumhochzeit nach 30 Jahren

Agathe und Rudi stehen vor der Kirche. Agathe trägt ein weißes Kleid und hält den Hochzeitsstrauß in der Hand. Rudi trägt einen schicken grauen Anzug mit einer pinken Krawatte, hält ein Kreuz in der Hand und grinst fröhlich in die Kamera.
„Liebe macht nicht blind. Liebe öffnet unsere Augen und lässt uns den anderen ganz sehen. Auch die Schwächen. Und dann bleibt sie trotzdem da.“
Und damit sich Rudi und Agathe in ihrer zukünftigen Ehe immer wieder daran erinnern, gab der Pfarrer den zwei nach seiner Predigt ein Geschenk. Einen Jesus der seine Augen weit geöffnet hat. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden wir alle von der wundervoll emotionalen Stimmung mitgerissen.
 
Schon seit Wochen gab es in unserer WG fast nur ein Thema: Die langersehnte Hochzeit!
Was ziehen Braut und Bräutigam an? Wie wollen wir alles dekorieren? Wo bekommen wir ein weißes Auto für das Brautpaar her? Welche Geschmacksrichtung hat die Hochzeitstorte?
Kein Wunder also, dass es für uns alle ein ganz besonderer Tag war.
 
Endlich schritten sie also zum Traualtar. Beide wirkten so frisch verliebt, dass man wohl nie auf die Idee gekommen wäre, dass die zwei schon über 30 Jahre ein Paar sind. 30 Jahre! In diesem Moment gingen mir alleine schon so viele Geschichten der zwei durch den Kopf, dass ich nur erahnen kann, wie viele wundervolle – und bestimmt auch schwere  – Zeiten die beiden schon zusammen erlebt und gemeistert haben. Und wenn diese 30 Jahre Beziehung und ihre immer noch andauernde Verliebtheit nicht das allergrößte Argument für eine Hochzeit sind, dann frage ich mich, was sonst.
 
Genau das betonte Rudi Sack – der trotz seiner evangelischen Konfession großzügigerweise doch kommen durfte – in seiner Rede bei anschließendem Kaffee und Kuchen in der WG. Und was noch viel Wichtigeres: Keiner sollte darüber entscheiden, ob die zwei heiraten dürfen oder nicht. Nicht er als Geschäftsführer von GLL und auch kein gesetzlicher Betreuer.

Dem stimmte Agathe kräftig zu und gab gleich noch zum Besten, wie sie ihren Rudi kennen gelernt hatte. „Anfangs hatte er noch seine Ex-Freundin. Ich habe die zwei erwischt, als sie zusammen im Bett gelegen sind. Aber dann hab ich mir den Rudi einfach gepackt.“
 
Da stimmte Rudi lächelnd zu.

Um diese lustige Stimmung aufrechtzuhalten, kam gleich der nächste Höhepunkt. Lisa, eine ehemalige Mitbewohnerin, trug mit ihrem Freund Jonas ein selbst gedichtetes Lied auf die zwei vor. Während Agathe nun „tagein tagaus Krawatten sehn“ wird, hört Rudi seine Frau bestimmt „manchmal schreien“. Aber: „Dankbar nimmt man, was der andere gibt, denn es ist schön, einen zu haben, der dich liebt“ - Hach!
 
Doch wir hatten noch eine Überraschung für die zwei: Ein weißes, mit Blumen verziertes Hochzeitsauto! Stolz wie Bolle stieg unser Brautpaar ein, gefolgt von einer laut hupenden Autoschlange der Hochzeitsgäste, um zum Abendessen zu fahren.
Dort angekommen wurde erstmal fleißig weiter getrunken und gelacht.
 
Aber, wo war Agathe denn plötzlich? Sie kann doch nicht einfach ihre eigene Hochzeit verlassen?
Das konnte nur eins bedeuten: Sie wurde entführt. Und da alle diesen Brauch nur allzu gut kannten, war ihnen auch klar, dass Agathe schnellstmöglich wieder gefunden wurden musste.
Mit Hilfe der ganzen Hochzeitsgesellschaft gelang dies dann auch relativ schnell – war aber auch nicht so schwer, im angrenzenden Biergarten sind´s gehockt!
Allerdings hat sich Rudi zu früh gefreut. So schnell gaben wir Agathe nicht wieder her. Also sang der Bräutigam aus voller Inbrunst sein Lieblingslied „Blau blüht der Enzian“, schon bald von Klatschen des ganzen Biergartens begleitet.
 
Rudi und Agathe lassen einen wirklich an die große Liebe glauben. Diese Hochzeit setzte ihrer langen Beziehung die Krone auf und zeigte ein ums andere Mal, dass die zwei zusammengehören. Und das kann den beiden zum Glück niemand verbieten.
 
Ein großer Tag für die Liebe. Ein großer Tag für die Selbstbestimmung behinderter Menschen.
 
Gerade, als ich den Artikel fertig geschrieben habe und aus dem Haus ging, habe ich Rudi auf der Straße gesehen. „Was er dort macht“, habe ich ihn gefragt. „Die Agathe abholen“, antwortete er mir. In dem Moment kam sie auch schon mit dem Bus von ihrer Arbeit zurück und die zwei gingen Händchen haltend zurück in die Wohnung.

Warum es dreißig Jahre dauerte, bis Rudi und Agathe heiraten konnten, erklärt Agathe im Interview.

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