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Der Schlüssel zur Selbständigkeit

Das BIld zeigt einen Wohnungsschlüssel mit einem blauen Schlüsselanhänger in Form eines kleinen Täschchens
Die Landsberger Inklusions-WG ermöglicht "geistig behinderten" Menschen ein Leben in Selbstbestimmtheit.

Paula, 19 Jahre, Medien-Studentin aus Passau, fragte uns, ob sie eine kleine Reportage machen dürfe - sozusagen als Übung für ihr Studium... "was mit Medien und so" ...Na klar war sie willkommen! Hier das Ergebnis ihres Besuchs bei uns:

Ein großes Blaues Haus mit weißen Fensterläden ragt hinter einer hohen Hecke hervor. Ein Kiesweg führt durch den Garten hindurch zur Haustür. Am Briefkasten neben der Klingel kleben kreuz und quer verschiedene Namensschilder. Eine junge, zierliche Frau öffnet die Haustür. Sie strahlt, wirkt aufgeregt aber auch sehr erfreut. Patti, 26 Jahre alt, ist geistig behindert und eine der Bewohnerinnen der Inklusions-WG in Landsberg am Lech.

„Inklusion“ meint eine Gesellschaft, in der jeder Mensch gleichberechtigt ist, unabhängig von eventuellen Behinderungen. Konkret in diesem Fall bedeutet das eine Wohngemeinschaft von Menschen mit geistiger Behinderung und (wie sie sie nennen) „Normalos“. Dieses Projekt rief die christliche Einrichtung „Regens Wagner“ vor drei Jahren ins Leben. Fünf Menschen, darunter zwei mit Handicap, leben gemeinsam unter einem Dach. Besonders ist, dass nicht permanent ein Betreuer vor Ort ist. Die pädagogischen Fachleute stehen natürlich zur Verfügung, sie wohnen aber nicht mit im Haus. In der Regel kommen sie zweimal in der Woche zum vereinbarten Termin vorbei. Die übrige Zeit leben die fünf ganz für sich. Die nicht behinderten Bewohner haben keinerlei Erzieher-Funktion.

Patti arbeitet tagsüber im Nachbarort in der Metall-Verarbeitung. Dort erschafft sie mit einem 1200 Grad heißem Plasma-Schneider Garten-Deko aus Metall und andere Kunstwerke. Früher lebte sie in einer Wohngruppe. Das bedeutete zwar ständige Betreuung, jedoch auch wenige Freiheiten und fest geregelte Ausgeh-Zeiten. Als sie vor drei Jahren gefragt wurde, ob sie sich den Einzug in die WG vorstellen könne, war sie zunächst skeptisch. „Ich hab’ schlechte Erfahrungen mit den Normalos, man wird oft ausgeschlossen“. Dennoch wagte sie den großen Schritt und lebt nun seit drei Jahren mit „Normalos“ zusammen.

Ob es klappt? Und wie! Vor allem mit den beiden Jungs, Tim und Andi kommt sie gut aus. „Die sind unkompliziert und hilfsbereit. Tim hat mir vorhin gezeigt, dass die Kartoffeln viel schneller durch sind, wenn man sie vor dem Kochen zerschneidet. Und dabei ist er nicht so lehrer-mäßig  wie ein Betreuer“. Die Kartoffeln kocht sie für morgen, denn da ist Weihnachten und sie bekommt Besuch von ihrer Familie. „Es gibt Kartoffelsalat, Würstchen und Tiramisu. Voll geil oder?“. Besonders freut sie sich, ihre Familie in ihrem eigenen Heim Willkommen heißen zu können. Patti muss zwar Rücksicht auf ihre Mitbewohner nehmen, aber die setzen sich auch gerne dazu. „So wie Regi, die freut sich auch schon auf das Tiramisu.“

Wie gerufen kommt in diesem Moment eine Frau mit Micky-Maus-Pulli und kurzen schwarzen Haaren ins Wohnzimmer – Regi alias Regina, 50, ebenfalls geistig behindert. Ganz aufgeregt aber lachend erklärt sie, warum sie erst jetzt auftaucht. Sie hatte auf dem Heimweg den Zug in die falsche Richtung genommen. Was zunächst hilflos klingen mag, ist eigentlich eine tolle Leistung und zeugt von ihrer Selbstständigkeit. Denn anstatt zu verzweifeln, konnte sie nach Hilfe fragen und den Weg zurück alleine finden.

Regina lebt ebenfalls seit Beginn in der WG. In ihrer Freizeit ministriert sie in der örtlichen Gemeinde. Ihr gefällt das Zusammenleben in der Wohngemeinschaft sehr gut. „Es ist immer jemand da und nie langweilig.“ Am tollsten ist der eigene Schlüssel. „Ich kann kommen und gehen, wann ich will. Den geb’ ich nicht mehr her“. Als großer FC-Bayern-Fan hat „Regi“ ihr Zimmer ganz nach dem eigenen Geschmack eingerichtet: Tür und Wände sind mit Postern der Fußballmannschaft gepflastert. Pattis Zimmer hingegen schmücken bunte Lichterketten, außerdem ein großes Regal mit unzähligen DVDs. „Am liebsten Horrorfilme, die sind so schön gruselig“. Jeder hat sein eigenes Zimmer, außerdem gibt es eine offene Küche, ein großes Wohnzimmer und zwei Bäder. Die Hausarbeit wird gehandhabt wie in jeder WG: Jeder muss sich beteiligen - und jeder meckert ab und an darüber.

In ihrer Freizeit unternehmen die WG-Bewohner auch mal etwas gemeinsam. Besonders seit vor einem halben Jahr Tim eingezogen ist. Der 30-jährige Filialleiter des Radgeschäfts „Fahrbar“, treibt seine Mitbewohner oft zu gemeinsamen Aktionen an, wie den diesjährigen Weihnachtsbaumkauf. Sie waren alle zusammen losgefahren um einen auszusuchen. Patti wollte einen ganz großen und breiten Baum. „Als wir den dann gefunden haben, hab ich mich gefreut wie die Schneekönigin.“.
Auch Tim fühlt sich sehr wohl in der WG. „Klar hatte ich anfangs etwas Sorgen, wie ich mit bestimmten Situationen umgehen soll. Aber eigentlich ist es doch alles ganz normal!“. Er war damals über die Seite „wg-gesucht“ auf die Inklusions-WG aufmerksam geworden und hat sich mittlerweile gut eingelebt. „Ich fühle mich hier zuhause.“ Auch die Nachbarn kennen ihn neuerdings sehr gut. Denn als er vor ein paar Wochen seinen Schlüssel vergessen hatte, musste er über das Dach durchs Fenster einsteigen und zog dabei die Aufmerksamkeit der ganzen Nachbarschaft auf sich. Regina und Patti erzählen lachend, dass das auch Mitbewohner Andi, von Beruf Fachhochschul-Lehrer schon mal passiert sei.

Und wie geht es weiter? Die Inklusions-WG ist nur der erste Schritt zum großen Ziel: Dem Ambulant Betreuten Wohnen, ein noch selbstständigeres Wohn-Modell. Besonders Patti hofft, einmal ganz alleine wohnen zu können. Sie hat zwar seit längerer Zeit einen festen Freund, doch am liebsten wäre sie erstmal für sich. „Wie soll ich denn wissen ob ich das überhaupt kann, wenn mein Typ gleich dabei ist? Da merkt man ja gar nicht wie weit ich schon bin“. Starke Worte, die zeigen, wie wichtig ihr die Unabhängigkeit ist.

Unser Gespräch wird unterbrochen, als Tim von der Haustür allen ein „Ciao“ zuruft, er muss zur Arbeit. Doch anstatt „Tschüss“, schreien ihm Patti und Regina im Chor „Hast du deinen Schlüssel?“ hinterher. Der Blick fällt auf den Küchentisch, da liegt er. Tim kommt lachend zurück, murmelt „Wer passt hier auf wen auf, hm?“. Erstaunlich, wie unwichtig einem so ein Schlüssel erscheint, wen man ihn als selbstverständlich betrachtet. Und wie wichtig er plötzlich wird, wenn er das Geschenk der Selbstständigkeit bedeutet.

Von Paula Schneider

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