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Inklusiv wohnen mit der eigenen Familie

Eine kindliche Zeichnung von einem Haus. Das Haus hat ein Erdgeschoss, zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Im Erdgeschoss ist ein Wohnzimmer, ein Esszimmer und eine Küche eingezeichnet. Darauf klebt ein Strichmännchen mit Aufschrift Christine und eine Katze namens Lilly. Im ersten Stock ist ein Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer und ein Bad eingezeichnet. Darauf kleben zwei Strichmännchen namens Anna und Vroni. Im zweiten Stock ist ein Arbeitszimmer/Spielezimmer/Gästezimmer sowie ein Gästebad eingezeichnet. Auch hier klebt ein Strichmännchen. Danaben steht der Name Markus. Im Dachgeschoss ist die Katze Charly eingezeichnet.
Bisher habe ich mir eigentlich noch keine großartigen Gedanken über ein inklusives Wohnen gemacht. Für mich war das zusammenwohnen mit meiner Familie das selbstverständlichste auf der Welt. Meine Familie, das sind meine Frau, meine beiden Mädels und zwei Katzen.

Gastbeitrag von Markus Ertl, 43 Jahre, Familienvater, Sparkassenmitarbeiter, Inklusionsbotschafter, Bergsportler, Sänger und blind

Wir bewohnen eine Doppelhaushälfte in den bayrischen Alpen, vor mehr als 10 Jahren selbst gebaut und nun sind wir auch sehr glücklich, unsere Kinder in einer behüteten Umgebung aufwachsen zu sehen.

Aber ja, ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, denen solch ein Privileg bisher noch nicht gegönnt ist und ich kann nur Werbung für ein selbstbestimmtes Leben machen.

Nun stelle ich mir natürlich die Frage, warum es bisher immer eine für mich ganz selbstverständliche Sache war und ist.

Für mich hat meine Behinderung bisher immer eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Das ging los bei meiner inklusiven Beschulung und hörte auch nicht im Beruf auf. Ich habe alles gemacht, wonach mir war und das mache ich heute auch genauso.

Jedoch sind einige Dinge für ein glückliches, inklusives Zusammenleben ganz wichtig.

Der richtige Ort für uns

Um eine maximale Unabhängigkeit zu erreichen, haben wir den Standort mitten im Dorf verwirklichen können. Das heißt zum ersten, dass ich auch ohne Führerschein oder Fahrassistenz meine Ziele selbständig erreichen kann. Hierzu sind kurze Wege zu den Geschäften, zum öffentlichen Personennahverkehr und zu anderen wichtigen Anlaufstellen unverzichtbar.

Diese Unabhängigkeit hat auch für meine Familie große Vorteile. Meine Frau muss z.B. nicht immer noch für meine Fahrdienste herhalten. Umgekehrt ist es mir so auch möglich meine familiären Besorgungen zu Fuß im Ort zu erledigen. Frische Semmeln vom Bäcker, Wurst vom Metzger oder andere Einkäufe sind durch die Nähe für mich ohne Probleme zu machen.

Die Freizeitaktivitäten von meinen Kindern sind dadurch schnell und auch mit meiner Begleitung zu erreichen. Wenn sonst meine Frau all diese zusätzlichen Fahrdienste alleine verantworten müsste, dann würde sie sicherlich eine Chauffeurs Mütze beantragen oder streiken.

Es ist natürlich auch von Vorteil, wenn die Kinder jetzt auch in ein Alter kommen, bei dem Sie nicht permanent eine Begleitung zu einem Freund oder zum Sport brauchen und durch die Nähe gut alles per Pedes oder mit dem Roller erreichen. Das gibt auch ihnen eine große Eigenständigkeit.

Deshalb ist die Standort-Wahl für alle Beteiligten eines der entscheidenden Kriterien, um alles entspannt und selbstbestimmt machen zu können.

Ordnungsprinzip für meinen Bereich

Das heißt für mich auch zu akzeptieren, dass in einem Haus, in dem ich der einzige mit Einschränkung bin, nicht alles so sein kann und auch darf, wie ich es für mich alleine haben würde. Aber es setzt auch voraus, dass die Bereiche, die mir gehören auch von mir mit gestaltet werden.

Zum Beispiel ist es mir wichtig, dass ich meine Dinge in der Küche mit einem Handgriff – OK vielleicht auch zwei – leicht auffinden kann. Das setzt voraus, ein Ordnungsprinzip zu haben und auch zu leben. So sind z.B. die Gewürze in der Küche immer am selben Ort, der Kühlschrank mit den täglichen Dingen immer so eingerichtet, damit ich beim ersten hin fassen auch den Butter, die Wurstdose oder die Milch in Händen habe. Zudem gibt es noch einen Platz im Kühlschrank, wo ich das finde, was eben grad für das nächste Kochen oder Grillen eingekauft wurde. Geschirr ist auch immer da, wo ich weiß, dass es sein muss und ich kann in der Küche loslegen. Manche Dinge habe ich auch mit der Brailleschrift markiert, dort wo es wichtig war.

Da meine Frau für die Familie die Wäsche macht, gibt es hier gleiche Prinzipien der Ordnung in meinem Kleiderschrank. Die anderen Schränke gehen mich schon nichts mehr an.

Wie unsere Kinder noch klein waren, ist diese Ordnung jedoch auch hier wichtig gewesen, um einen Strampler, einen Body oder andere Kleidungsstücke nicht erst immer suchen zu müssen.

Hilfreich ist es hier auch mit Boxen zu arbeiten. So habe ich z.B. für schwarze, braune und weiße Socken jeweils eine extra Textil-Box im Schrank und meine Frau wirft einfach entsprechend ein.

Das Prinzip der gelebten Ordnung ist für einen Blinden unverzichtbar, setzt aber voraus, das in Teilbereichen alle mitwirken, damit es sinnvoll ist.

Meine Aufgaben im Haushalt

Nachdem ich selbst und meine Frau in die Arbeit gehen, versuchen wir uns im Haushalt gegenseitig zu unterstützen. Dennoch hat hier jeder seinen Bereich, für den er verantwortlich ist. Ich koche und grille gerne. So ist das, wenn ich daheim bin, meist meine Aufgabe. Natürlich schwinge ich auch mal den Staubsauger. Nachdem ich zwar jede Fliese absauge, aber dennoch nicht sehe, ob ich den ganzen Dreck eingesaugt habe, ist das Ergebnis nicht immer für alle zufriedenstellend. Das passiert aber auch bei sehenden Männern mit dem Hang, die Kurven beim Staubsaugen zu schneiden. Das Resort hat dann meine Frau mit den Kindern übernommen. Beim Putzen ist es genauso. ich gehe nur dann zur Hand, wenn es klare Anweisungen hierzu gibt. Einkaufen wird aufgeteilt. Die großen Einkäufe macht meine Frau mit dem Auto. Über meine zu erledigenden kleinen Einkaufsdienste freue ich mich immer, weil ich meistens Bekannte auf einen Plausch treffe.

Briefe, welche ohne einen Scan in einen der vielen Ordner verschwinden, sind fast unwiederbringlich für mich verschwunden. Deshalb ist das Büro mein Resort. Ich dachte mir anfangs, das könnte ja meine Frau übernehmen. Dies wäre aber für mich ohne fremde Hilfe nicht zugänglich und so habe ich mich hier eingearbeitet. Naja, Spaß ist was anderes, als seine Steuererklärung mit Blindentechnik zu machen. Wenn Du aber das WC putzen darfst, wird dies auch nicht mit mehr Spaß verbunden sein.
Ich scanne alles und habe ein digitales Archiv, in dem ich die Dokumente speichere. Die ganz wichtigen Dokumente werden trotzdem dann noch von meiner Frau im Ordner abgeheftet. Aber so ist dann für mich, für meine Frau und für alle anderen auch die private Korrespondenz zu jederzeit lesbar und zugänglich gemacht. Hier ist aber dann mindestens genau ein funktionierendes Ordnungsprinzip, das allen zugänglich ist, unausweichlich.

Eine Mitverantwortung für mich und meine Familie habe ich übernommen. Die Aufgaben für unser gemeinsames Miteinander sind deshalb für mich eine Selbstverständlichkeit, mehr noch, es gibt mir ein gutes Gefühl, auch gebraucht zu sein.

Gesellschaftsspiele

OK, das ist noch etwas schwierig da wir noch kein so umfangreiches Sortiment an barrierefreien oder inklusiven Spielen haben. Mensch ärgere dich nicht, das verrückte Labyrinth, Malefiz, Kniffel, Uno und so weiter. Die Auswahl ist nicht riesig und meist schweinsteuer, dennoch OK. Aber mit Phantasie kann man auch Spiele kreieren, bei denen man auch als Blinder dabei sein kann.

Multimedia

Unser TV hat eine eigene Sprachausgabe und der AmazonFire-Stick kann mir auch das vorlesen, was andere sehen können.

Bei unserem gemeinsamen medialen Erleben, sei es TV oder Radio oder Web-Streamen achten wir gerne darauf, dass ich auch mitschauen kann. Hier wird lieber mal ein Abendfilm mit Audiodiskription gewählt, bevor ich ausgegrenzt bin. Fußball, wird von vornherein nur auf der 2. Tonspur geschaut, da die Radiorecorder, neben dem besseren Erklären oft noch witziger sind als Béla Rhéty und Co.

Ein Hörspiel kann auch ganz spannend für einen nichtblinden sein, da hier auch noch mehr andere Sinne beansprucht werden. Ich kann es jedem empfehlen!

Unsere Katzen

Nachdem unsere Katzen relativ schnell gemerkt haben, dass es gefährlich sein kann, mitten im Weg zu liegen und darauf zu hoffen, gestreichelt zu werden, schauen die bei mir immer genau, wohin ich mich gerade bewege. Ich passe aber auch immer gut auf, wenn ich mich setzen will. Vor allem, wenn ich mich auf dem Sofa niederlassen möchte, taste ich vorher, ob hier noch frei ist.

Leider bin ich aber auch einmal dem Kater auf sein Samtpfötchen getrampelt. Au, hat das wehgetan, aber nicht nur dem Kater, sondern auch mir. Voll in den großen Zeh gebissen, hat der mich.

Rücksicht ist hier die Zauberformel!

Leben und leben lassen

Auch wenn es schön wäre, alle würden immer und zu jeder Zeit auf meine Bedürfnisse oder mit der Ordnung auf mich eingehen, wäre dies für mich zwar gut, aber für alle anderen sehr unentspannt.

Es muss auch mal verziehen werden, wenn mal etwas nicht so ist, wie ich mir das selbst wünschen würde. Vor allem bei Kindern.

Diese Toleranz ist aber nicht nur bei einem Zusammenleben mit einem Menschen mit Einschränkung notwendig, sondern bei allen Formen des Zusammenlebens die beste Zutat und deshalb wieder nichts Besonderes.

Was aber bitte nie sein darf...

… etwas auf der Treppe liegen zu lassen!
… ein Fahrrad, ein Roller oder so fiese Dinger auf den Gehwegen im Garten!
… Offene Türen oder Schubladen, wobei eine halb offene Zimmertüre das mit am fiesesten ist!

Mein Wunsch für Viele ist selbstbestimmt die eigene Wohnform wählen zu können und sich darin geborgen zu fühlen. Mein familiäres Zusammenleben ist oft auch von meinen „Mitbewohnern“ fremdbestimmt, aber ich habe es mir selbst genauso ausgesucht.
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