Unser Gründungsleitfaden

Graphische Darstellung der 5 Schritte
Unser Ziel ist es, dass es bald überall ein vielfältiges Angebot an inklusiven Wohnmöglichkeiten gibt. Denn Selbstbestimmung gibt es nur dort, wo man die Wahl hat. Dich haben die vielen Eindrücke aus unseren WGs begeistert und Du möchtest jetzt selbst eine gründen? Dann bist Du hier genau richtig.

Wir haben im Sommer 2016 zahlreiche inklusive WGs besucht und uns mit ihnen und ihren Gründer*innen ausgetauscht. Mit der Unterstützung von OpenTransfer haben wir aus all diesen wertvollen Erfahrungen diesen Leitfaden zur Gründung einer inklusiven WG entworfen.

Die fünf Schritte sollen Dir dabei helfen, Deine Gedanken bei der WG-Gründung zu ordnen. In der Durchführung wirst Du wahrscheinlich nicht immer einen Schritt nach dem anderen gehen, sondern auch mal an mehreren gleichzeitig arbeiten oder zwischen Schritten hin und her springen. Zum Beispiel könnte es sein, dass Du eine geeignete Wohnung findest (Schritt 5), in die aber weniger Personen passen, als Du im WG-Konzept (Schritt 3) geplant hattest. Wir empfehlen stets alle beteiligten Personen (dazu Schritt 4) von Anfang an in die Gründung der WG einzubeziehen, denn niemand wird gerne vor vollendete Tatsachen gestellt.
 

Schritt 1: Verstehe die Idee einer inklusiven WG

Im ersten Schritt solltest Du verstehen, was eine inklusive Wohngemeinschaft ausmacht und herausfinden, ob dies Deinen eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht. Für uns sind folgende 6 Kernelemente einer inklusiven WG unabdingbar:
1. WG-Mitglieder mit und ohne Behinderung
In der WG wohnen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Bei den Bewohner*innen ohne Behinderung handelt es sich meist um Studierende. In manchen WGs unterstützen diese ihre behinderten Mitbewohner*innen im Alltag. Eine pädagogische oder pflegerische Ausbildung ist jedoch nie Voraussetzung für den Einzug. Wer Lust hat in einer inklusiven WG zu wohnen muss lediglich offen dafür sein und ein gewisses Verantwortungsbewusstsein mitbringen. Für alle WG-Mitglieder sollte die WG nicht nur ein Schlafplatz, sondern Lebensmittelpunkt sein. Die WG sollte aber auch kein Selbstzweck, sondern ein natürlicher Teil des eigenen Lebens sein. Das heißt, alle haben auch ein Leben außerhalb der WG (z.B. Studium, Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten, Hobbys). Letztlich ist die "Chemie" zwischen den WG-Mitgliedern eine der größten Gelingensbedinungen, für die es allerdings kein Patentrezept gibt.
2. Selbst-/Mitbestimmung und Augenhöhe:
Wer in die WG einzieht entscheiden alle Mitbewohner*innen gemeinsam und gleichberechtigt. So verhält es sich bei allen Entscheidungen, die die WG als Ganzes betreffen. Wir empfehlen dazu eine monatliche WG-Besprechung, wo alle, die in der WG wohnen oder arbeiten anwesend sind. Neben den Entscheidungen, die alle betreffen, ist es wichtig, dass jede*r in der WG ein selbstbestimmtes Leben führen kann und das Zusammenleben in der WG auf Augenhöhe stattfindet. Angehörige wie Eltern „geistig behinderter“ Bewohner*innen haben zwar häufig eine wichtige Funktion (z.B. als gesetzliche*r Betreuer*in), sind aber grundsätzlich nur Gast in der WG und sollten sich dementsprechend verhalten.
3. Privatsphäre und Zusammenleben:
Wie jede WG befindet sich auch eine inklusive WG im Spannungsfeld von Privatsphäre und Zusammenleben. Anders als eine Zweck-WG lebt eine inklusive WG aber von einem schönen Gemeinschaftsleben (gemeinsame Ausflüge, Abendessen, Erledigungen etc.). Um die Balance zwischen Zusammenleben und Privatsphäre zu halten, sollte neben einem großen Gemeinschaftsbereich allen WG-Mitgliedern ein eigenes Zimmer zur Verfügung stehen, das groß genug ist um darin z.B. zu lernen oder sich einem Hobby zu widmen.
4. Gewährleistung der Unterstützung:
Wer im Alltag Unterstützung benötigt, bekommt diese durch seine Mitbewohner*innen, Assistenz von außerhalb oder einer Mischung davon (der sog. „Hilfe-Mix“). Es gibt unterschiedliche Argumente, die für oder gegen die jeweiligen Lösungen sprechen. Manche sehen in der Doppelrolle Mitbewohner*in/Assistenz eine Gefahr für die Augenhöhe der Mitbewohner*innen untereinander. Andere sehen gerade die Unterstützung durch Mitbewohner*innen als den Kern einer inklusiven WG, da sie einen viel engeren Kontakt und mehr Zeit für die Aufgaben haben, als es ein Pflegedienst in der Regel hat. Wir empfehlen allerdings in jedem Fall, dass Bewohner*innen keinen pädagogischen Auftrag haben, sondern dass dieser (falls nötig) sowie Verwaltungsaufgaben durch eine pädagogische Fachkraft (z.B. eine „WG-Leitung“) übernommen werden. In den WGs, in denen Bewohner*innen Aufgaben der Alltagsassistenz übernehmen, wohnen sie in der Regel günstiger oder mietfrei, was den Einzug für einen Mensch ohne Behinderung zudem attraktiver macht. Genauer gehen wir auf die Organisation der Unterstützung in Schritt 3 und 4 ein.
5. Teilhabe am öffentlichen Leben:
Die WG sollte so angebunden sein, dass für alle Bewohner*innen die Teilhabe am öffentlichen Leben möglich ist. Eine Wohnung im Industriegebiet ohne nahgelegene Bushaltestelle eignet sich deshalb nicht. Geschäfte des täglichen Bedarfs sowie ein Hausarzt, Freizeitangebote sollten fußläufig erreichbar sein. Einige inklusive WGs haben ein eigenes Auto um Einkäufe zu erledigen und die Mobilität körperlich beeinträchtigter WG-Mitglieder zu gewährleisten. In manchen Fällen ist eine inklusive WG sogar in ein Quartiersentwicklungskonzept integriert.
6. Tragfähig (nicht dauerhaft spendenabhängig):
Eine inklusive WG sollte sich höchstens zu Beginn (z.B. für die erste Einrichtung) durch Spendenmittel finanzieren. Langfristig sollte sich die WG durch die bewilligten Gelder des Kostenträgers und andere Einnahmen (Mietzahlungen etc.) selbst tragen. In vielen Fällen ist für einen behinderten Menschen ein Platz in einer inklusiven WG günstiger als ein Platz in einer stationären Einrichtung. Die Finanzierung einer inklusiven WG beschreiben wir genauer in Schritt 4.

Wirf zudem einen Blick in unseren Blog, um einen Einblick darin zu bekommen, wie das Leben in einer inklusiven WG abläuft. Kannst Du Dir nun vorstellen, selbst in einer inklusiven WG zu leben? Dann gehe weiter zu Schritt 2.

Schritt 2: Finde Gleichgesinnte

Eine Wohngemeinschaft gründet man schon aus ihrer Natur heraus nicht alleine. Der Gründungsprozess einer inklusiven WG ist zudem aufwendiger als der einer gewöhnlichen WG-Gründung und lässt sich mit mehreren Schultern besser stemmen. Finde deshalb Gleichgesinnte in Deiner Nähe und stecke sie mit Deiner Begeisterung für die Idee einer inklusiven WG an. Wie Du Menschen in Deinem Umfeld erreichst und wer der oder die beste Ansprechpartner*in ist, hängt von vielen Faktoren ab.

Folgende Tipps können Dir bei der Suche helfen:

Sind in Deiner Region Träger der Behindertenhilfe, die bereits eine inklusive WG gegründet haben oder generell gegenüber innovativen Wohnformen offen sind?
Ob es Sinn macht, mit einem bestehenden Träger zu kooperieren oder nicht, ist unterschiedlich. Genauer gehen wir darauf in Schritt 4 ein.

Gibt es bei Dir vor Ort Veranstaltungen, wo Du Gleichgesinnte treffen könntest?
Dann lade Dir kostenlos unseren Flyer runter und drucke ihn aus, um Leuten auch ohne Internet einen Eindruck von der Idee zu geben.

Sind in Deinem Umfeld viele Leute online aktiv?
Erstelle ein Gesuch in unserer WOHN:BÖRSE und verbreite es in den Sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter etc.).

Gibt es „schwarze Bretter“, zum Beispiel in Universitäten, im Supermarkt um die Ecke oder in Deiner Arbeit, wo Leute nach Wohnungen oder WG-Plätzen suchen?
Nutze unseren Aushang! Fülle einfach Deinen eigenen Namen und eine Kontaktmöglichkeit (z.B. Deine Emailadresse oder Telefonnummer) in die Felder, drucke ihn aus und hänge ihn auf.

Wo verbringst Du Deine Freizeit?
Erzähle Allen in Deinem Sportverein, Deinem Freizeitclub, auf Ferienfreizeiten und bei anderen Gelegenheiten von Deinem Anliegen oder hänge dort unseren Aushang aus. Das Beste: Gemeinsame Interessen sind die perfekte Grundlage für ein gutes WG-Leben.

Befindest Du Dich in einer Kleinstadt, in der jede*r die gleiche Tageszeitung liest?
Veröffentliche dort ein Inserat!

Gibt es in Deiner Nähe eine Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle (z.B. KoKoBe Köln) oder ein ähnliches Angebot für Menschen mit Behinderung?
Hol Dir dort Tipps oder frage, ob Du unseren Flyer oder unseren Aushang mit Deinen Kontaktdaten auslegen darfst.

Sei kreativ und lass Dich nicht entmutigen! Inklusive WGs wurden schon auf dem Land, in Kleinstädten und in Metropolen gegründet. Gleichgesinnte gibt es also mit Sicherheit überall!

Schritt 3: Entwickelt das passende WG-Konzept

Wie viele Menschen sollen in der WG wohnen? Wie groß ist der Unterstützungsbedarf der behinderten WG-Mitglieder? Wie soll er gedeckt werden? Das sind drei zentrale Fragen, wenn es im dritten Schritt darum geht, das richtige WG-Modell zu finden. Wir sind der festen Überzeugung, dass die vielfältigen Erfahrungen bestehender inklusiver WGs bei der Beantwortung der Fragen und damit der Entwicklung des eigenen inklusiven WG-Konzepts äußerst hilfreich sein können. Wir schlagen deshalb zwei Teilschritte vor:
  • Macht Euch im ersten Teilschritt darüber Gedanken, wie ihr Euch Eure eigene inklusive WG vorstellt. Habt Ihr die gleichen Vorstellungen oder müsst Ihr Kompromisse schließen?
  • Seht im zweiten Teilschritt die bestehenden WG-Konzepte durch und überlegt, welches davon für Euer Vorhaben geeignet ist und wo es gegebenenfalls angepasst werden muss.
Folgende Teilbereiche sollten dabei geklärt werden. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass die Teilbereiche stark voneinander abhängen.
Größe der WG
Von 10er WGs bis zu 3er WGs gibt es inklusive Wohngemeinschaften von ganz unterschiedlicher Größe. Es hat sich bewährt, dass WGs in denen Menschen mit einem höheren Unterstützungsbedarf wohnen tendenziell größer sind, da so der größere Unterstützungsbedarf auf mehr Schultern verteilt werden kann. Zudem setzen die meisten inklusiven WGs auf ein ausgeglichenes Verhältnis von WG-Mitgliedern mit und ohne Behinderung und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis.
Unterstützungsbedarf
Die Vielfalt der bestehenden inklusiven WGs zeigt, dass von leicht körperlich behinderten Menschen bis hin zu schwerst-mehrfach behinderten Menschen jede*r in einer inklusiven WG wohnen kann. Entscheidend ist vielmehr das Interesse daran, in einer inklusiven Gemeinschaft zu leben. Dennoch ist der Unterstützungsbedarf der WG-Mitglieder überaus zentral für das Konzept der WG. Erhöht sich der Unterstützungsbedarf in der geplanten WG, muss er automatisch durch
  • mehr Aufwand pro Mitbewohner*in,
  • mehr Mitbewohner*innen
  • oder mehr Assistenz von außerhalb
kompensiert werden. Zentral ist der Unterstützungsbedarf auch für die Finanzierung der WG (Schritt 4). Setzt man sich zum Beispiel als Ziel den WG-Mitgliedern ohne Behinderung im Gegenzug für ihre Leistungen als Assistenz einen mietfreien WG-Platz zu ermöglichen, muss die Summe der Eingliederungshilfe und Leistungen der Pflegekasse der behinderten WG-Mitglieder dafür ausreichen.
Assistenz, Pflege und Organisation
Wie bereits beschrieben, kann die Unterstützung und Pflege im Alltag durch die nicht-behinderten Mitbewohner*innen, Assistenz von außerhalb oder einer Mischung davon (der sog. „Hilfe-Mix“) gedeckt werden. Argumente für und gegen die einzelnen Möglichkeiten findet Ihr in Schritt 1.

Die Erfahrung zeigt, dass WG-Bewohner*innen nicht mehr als einen Nachmittag pro Woche und ein Wochenende pro Monat WG-Dienst haben sollten, damit die zeitliche Belastung in der WG für sie neben dem Studium, der Ausbildung oder dem Beruf nicht zu groß wird. Pflegerische Aufgaben, die über die Unterstützung bei der alltäglichen Körperhygiene hinausgehen, werden im Regelfall an Fachkräfte übertragen. Auch pädagogische Aufgaben sind in den meisten WGs nicht in der Verantwortung der WG-Mitglieder.

Vor allem in inklusiven WGs mit „geistig behinderten“ Menschen wird eine inklusive WG häufig durch eine pädagogische Fachkraft geleitet. Neben Teilen der Alltagsassistenz übernimmt sie die Verwaltung der WG und die pädagogische Begleitung. Als zentrale Ansprechperson für Behörden und die Anliegen der gesetzlichen Betreuer*innen behinderter WG-Mitglieder, hält sie der WG den Rücken frei.
Rahmenbedingungen
Die Wahl des richtigen WG-Konzepts kann nicht ungeachtet der Rahmenbedingungen vonstattengehen. Gibt es etwa besondere Vorgaben des Kostenträgers? Herrscht in der Region eher Wohnungsnot oder ein großes Angebot? Gibt es vor Ort viele Menschen ohne Behinderung, für die die WG attraktiv wäre (z.B. Studierende)?

Schritt 4: Wählt das richtige Organisations- und Finanzierungsmodell



Im nächsten Schritt geht es darum, das richtige Organisationsmodell zu finden. Grundsätzlich ist keines der Modelle besser oder schlechter. Jedes beinhaltet eigene Chancen, Herausforderungen und Risiken. Soll Eure WG nach dem Vorbild einer bestehenden WG funktionieren, ist damit möglicherweise auch ein bestimmtes Organisationsmodell verbunden. Es kann aber auch ein anderes Modell aufgrund der Rahmenbedingungen sinnvoller sein.
Modell 1: Zusammenschluss mit einem bestehenden Leistungsanbieter


Findet Ihr in Schritt 2 einen Leistungsanbieter, der Eurem Vorhaben offen gegenübersteht, bietet es sich an, die WG gemeinsam mit diesem zu realisieren. Wichtig ist dabei, dass die Vorstellungen beider Seiten geklärt sind und der Leistungsanbieter allen der in Schritt 1 beschriebenen Kernelemente einer inklusiven WG zustimmt. Auf Grundlage des Anspruchs auf Eingliederungshilfe der behinderten WG-Mitglieder schließt der Leistungsanbieter dann eine Leistungs- und Vergütungsvereinbarung mit dem Kostenträger und einen Betreuungsvertrag mit den behinderten WG-Mitgliedern.

Der Leistungsanbieter stellt die Fachkräfte an und schließt Vereinbarungen mit den WG-Mitgliedern ohne Behinderung ab, die sich (je nach WG-Konzept) um die Assistenz und Betreuung der behinderten WG-Mitglieder kümmern.

Häufig tritt der Leistungsanbieter als Hauptmieter der Wohnung auf, sodass zwischen den WG-Mitgliedern und dem Leistungsanbieter zudem Mietverträge geschlossen werden.

Chancen: Ein bestehender Leistungsträger kann dem Projekt mit seinen Strukturen, seinen reichhaltigen Erfahrungen und seinem etablierten Netzwerk große Sicherheit geben. Es ist für Euch mit Sicherheit das am wenigsten arbeitsintensivste Modell.

Herausforderungen: Tritt der Leistungsanbieter als Hauptmieter auf, sollte geprüft werden ob es zu Schwierigkeiten in der Anwendbarkeit der gültigen landesrechtlichen so genannten Heimgesetze gibt. Falls das Heimgesetz zur Anwendung kommt, müssen hohe Auflagen erfüllt werden. Manche Leistungsanbieter haben zudem Vorbehalte gegenüber inklusiven WGs, meist wegen der Rolle der WG-Mitglieder ohne Behinderung. Gerne unterstützen wir Euch dabei, ihnen diese zu nehmen.

Risiken: Es ist bereits vorgekommen, dass die Leistungsanbieter im Verlauf das Wohnprojekt vereinnahmt haben und nach ihren Vorstellungen, z.B. in eine reine Wohngruppe für behinderte Menschen, umgestaltet haben. Ihr solltet deshalb auf jeden Fall, eine gute Regelungen bezüglich Euer dauerhaften Mitsprache festhalten.

Bestehende Wohnprojekte nach diesem Modell:
Modell 2: Gründung eines eigenen Leistungsanbieters


Dieses Modell funktioniert analog zum ersten Modell, nur dass Ihr den Leistungsanbieter (z.B. in Form eines Vereins) selbst gründet. Es hat sich gezeigt, dass Wohnprojekte nach diesem Modell häufig erst dann richtig in Schwung kommen, wenn nicht alle im Verein ehrenamtlich arbeiten, sondern zumindest eine Person mit einer angemessenen Stundenzahl als Geschäftsführung des Vereins angestellt ist.

Chancen: Ihr könnt Euer WG-Konzept so umsetzen wie Ihr es für richtig haltet. Die WG bleibt in Eurer Kontrolle. Wenn Ihr die Ambitionen habt, mehrere WGs zu gründen, bietet sich dieses Modell in jedem Fall an.

Herausforderungen: Die Gründung des Vereins bedarf eines gewissen Aufwands und juristischen Wissens. Häufig finden sich Juristen, die soziale Projekte kostenfrei unterstützen (z.B. über Proboneo). Die gesamte Organisation und Verantwortung liegt in Euren Händen. Häufig haben es neue Leistungsanbieter in den Verhandlungen mit dem Kostenträger schwerer als etablierte. Gerne bringen wir Euch mit erfahrenen WG-Gründer*innen in Kontakt, die Euch bei den Verhandlungen unterstützen können.

Risiken: Wird der Verein v.a. durch Angehörige (z.B. Eltern) der behinderten WG-Mitglieder getragen, stehen diese in einem gewissen Machtverhältnis. In diesem Fall muss besonders darauf Acht gegeben werden, dass für alle WG-Mitglieder ein selbstbestimmtes Leben möglich ist.

Bestehende Wohnprojekte nach diesem Modell:
Modell 3: Das Arbeitgebermodell


Mit dem Arbeitgebermodell des persönlichen Budgets funktioniert eine inklusive WG auch ohne Leistungsanbieter. Die behinderten WG-Mitglieder schließen direkt mit dem Kostenträger eine Budgetvereinbarung. Das Budget kann der behinderte Mensch selbstständig dazu nutzen, seine Mitbewohner*innen und/oder externe Fachkräfte als Assistenz anzustellen. Manchmal wird dennoch ein Verein gegründet, der als Hauptmieter auftritt (z.B. inklusiv wohnen Köln e.V.).

Chancen: Man ist weder abhängig von einem bestehenden Leistungsanbieter, noch muss man einen eigenen Leistungsanbieter gründen.

Herausforderungen: Die komplette Organisation der Unterstützung und die Verwaltung des Budgets liegen in den Händen des behinderten Menschen selbst. Fällt zum Beispiel eine Assistenz krankheitsbedingt aus, muss er oder sie selbst einen Ersatz organisieren. Zudem muss das persönliche Budget meist häufiger mit dem Kostenträger verhandelt werden (jährlich) als die Eingliederungshilfe (alle 2 Jahre). Für die Lohnbuchhaltung kann beim Kostenträger eine Budgetassistenz beantragt werden.

Risiken: Wird das Budget durch die gesetzlichen Betreuer*innen (z.B. die Eltern) verwaltet, muss wie in Modell 2 besonders darauf Acht gegeben werden, dass für alle WG-Mitglieder ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Wir empfehlen stattdessen die Budgetverwaltung in externe Hände zu geben.

Bestehende Wohnprojekte nach diesem Modell:
Modell 4: Beauftragung eines Leistungsanbieters


Wer das persönliche Budget beantragen will, aber den Aufwand als Arbeitgeber vermeiden will, kann damit auch einen Leistungsanbieter beauftragen. Wie in Modell 3 verhandelt die behinderte Person (ggf. mit gesetzliche*r Betreuer*in) das Budget direkt mit dem Kostenträger (das sogenannte „Bedarfsfeststellungsverfahren“).

Üblicherweise will der Kostenträger für die Budgetverhandlung schon einige Kostenvoranschläge von möglichen Leistungsanbietern sehen. Dann wird verglichen, wie sich die Preise unterscheiden und im Sinne des Wunsch und Wahlrechts hat man die Möglichkeit seinen favorisierten Leistungsanbieter zu wählen.

Wenn das Persönliche Budget fest steht und der Leistungsanbieter für die Assistenz und / oder Pflege gewählt wurde, wird ein Assistenzvertrag zwischen der/dem Bewohner*in mit Behinderung (oder der gesetzlichen Vertretung) sowie dem Leistungsanbieter geschlossen. In diesem werden alle Rechte und Pflichten festgehalten.

Chancen: In der Regel hat der behinderte Mensch die Möglichkeit bei der Auswahl der WG-Mitarbeiter*innen mitzubestimmen. Außerdem kann geregelt werden, dass für einige Assistenzzeiten noch andere Assistent*innen (z.B. die Mitbewohner*innen ohne Behinderung) als Honorarkräfte oder im Rahmen der Ehrenamtsvergütung tätig sind.

Herausforderungen: Der behinderte Mensch bzw. dessen gesetzliche Vertretung ist für alle Kommunikation mit dem Kostenträger zuständig. Er muss sich (meist jährlich) um die Weiterbewilligung des persönlichen Budgets kümmern und eventuelle Kostensatzverhandlungen führen.

Risiken: Wenn es sich beim favorisierten Leistungsanbieter um den teuersten handelt, kann es sein, dass nur der „marktübliche“ Preis gezahlt wird. So kann die Leistung nur in einem geringeren Maß in Anspruch genommen werden oder man muss zuzahlen.

Bestehende Wohnprojekte nach diesem Modell:

Schritt 5: Findet geeigneten Wohnraum

Zunächst müsst Ihr klären, wie viel Platz Ihr pro Person und im Ganzen braucht. Wie groß muss der Gemeinschaftsraum sein? Fragt dabei gerne bestehende WGs um Rat!

Um anschließend den geeigneten Wohnraum für die WG zu finden, kann man entweder nach bestehendem Wohnraum suchen oder Teil eines Bauprojekts werden.

Der Einzug in bestehenden Wohnraum ist in der Regel schneller und kostengünstiger. Es bietet sich an, wenn Ihr eine eher kleine WG plant oder es in Eurer Region leicht ist, Wohnungen zu finden. Allerdings könnten auch Umbaumaßnahmen auf Euch zukommen, wenn die Wohnung oder das Haus nicht Euren Vorstellungen oder Bedürfnissen entspricht.

Da es häufig aufgrund der WG-Größe oder mangelnder Barrierefreiheit keinen geeigneten Wohnraum gibt, kann es sinnvoll sein, sich mit einem Bauträger zusammenzuschließen. Dafür kommen vor allem zwei Gruppen in Frage: Kommunale (z.B. städtische) Wohnungsbaugesellschaften und Wohnungsbaugenossenschaften.
  • Bauprojekte kommunaler Wohnungsbaugesellschaften beinhalten in der Regel einen Anteil geförderten Wohnraums (sog. „Sozialwohnungen“). Auf diese könnt ihr Euch mit Eurer WG bewerben, wenn davon auszugehen ist, dass die künftigen Bewohner*innen die Voraussetzungen für eine Sozialwohnung erfüllen. Für sie können inklusive WGs attraktiv sein, da sie im häufig konfliktreichen sozialen Wohnungsbau einen guten Ruhepol darstellen können.
  • Wohnungsbaugenossenschaften sind Zusammenschlüsse von Privatpersonen. Sie bewerben sich auf Grundstücke der Gemeinde. Dabei suchen sie nach Argumenten, warum der Baugrund an sie vergeben werden soll. Das innovative Wohnkonzept einer inklusiven WG kann ein gutes Argument für Genossenschaften sein, den Baugrund für sich zu gewinnen. Deshalb sind viele Genossenschaften offen für das Wohnkonzept. Um Teil einer Wohnungsbaugenossenschaft zu werden, ist zumeist das zahlen einer Einlage nötig. Für Menschen mit Behinderung wird diese teilweise vom Staat gefördert.
An manchen Orten gibt es Anlaufstellen für Menschen, die ein gemeinschaftsorientiertes Wohnprojekt gründen möchte (in München beispielsweise die Mitbauzentrale). Solche Anlaufstellen können Euch mit den richtigen Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften in Kontakt bringen.

Wir möchten darauf hinweisen, dass die meisten unserer Erfahrungen aus WGs stammen, in denen Menschen mit sogenannten „geistigen Behinderungen“ und Menschen ohne Behinderungen zusammenleben. Wir sind aber überzeugt, dass eine inklusive WG auch für Menschen mit körperlichen oder anderen Behinderungen ein interessantes und funktionierendes Wohnmodell sein kann. Dagegen zeigen die Erfahrungen, dass Menschen mit herausforderndem Verhalten und/oder psychischer Erkrankung häufig nicht in einer derartigen Wohngemeinschaft glücklich werden.

Wir wollen diesen Leitfaden stetig weiterentwickeln. Lass uns deshalb bitte unbedingt an Deinen Erfahrungen teilhaben, die unserem Leitfaden widersprechen oder ihn ergänzen können! Wir bemühen uns zudem, den Leitfaden bald auch in leichter Sprache herauszugeben.

Neben unserer Onlineplattform und unseren Kontakten zu inklusiven WGs wollen wir Dich künftig auch durch Workshops, Tagungen und Beratung zu unterstützen. Der erste Workshop zur Gründung inklusiver WGs findet voraussichtlich im Frühjahr 2017 statt. Falls Du Fragen zu konkreten Punkten des Leitfadens hast, melde Dich jederzeit gerne bei uns.