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Eine inklusive WG für Athen

Vielleicht habt Ihr Euch schon mal gefragt: Wie sieht es eigentlich mit inklusiven Wohnprojekten in anderen Ländern aus? Stehen sie vor den gleichen Herausforderungen? Vergangene Woche war ich in Athen und traf eine alte Freundin, die gemeinsam mit ihren Kolleg*innen die vermutlich erste inklusive Wohngemeinschaft Griechenlands starten will. Wie es dazu kam, welche Erfahrungen die mutige Initiative macht und wie Du ihnen helfen kannst, erfährst Du in diesem Artikel.

Von Tobias Polsfuß

Wie kam es dazu?

Vor sieben Jahren bin ich für einen Europäischen Freiwilligendienst nach Athen gegangen. Ein halbes Jahr lang habe ich dort in einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderungen gearbeitet, ein wenig Griechisch gelernt und viele tolle Leute kennengelernt. Eine davon war Ronja aus Bremen, die zur gleichen Zeit ihren Freiwilligendienst in einer anderen Einrichtung für Menschen mit Behinderung in der Nähe Athens leistete.

Nach meinem Freiwilligendienst zog ich für das Studium nach München und schon bald durch Zufall in eine inklusive WG. Seitdem verbringe einen großen Teil meines Alltags mit meinen acht Mitbewohner*innen, von denen fünf mit einer sog. geistigen Behinderung leben. Aus der Begeisterung für unser buntes und geselliges Zusammenleben rief ich vor ein paar Jahren WOHN:SINN ins Leben, um mehr Menschen für inklusives Wohnen zu ermutigen. Ronja hingegen blieb Griechenland treu. Viele Jahre lebte sie abwechselnd in Deutschland und Griechenland. Mittlerweile lebt sie fest in Athen und arbeitet in derselben Einrichtung, in der sie damals ihren Freiwilligendienst gemacht hat.

Vor zwei Jahren kam Ronja mit einer Idee auf mich zu: Sie möchte eine inklusive Wohngemeinschaft in Athen gründen. Seitdem ist mit dieser Idee schon einiges geschehen. Ronja hat inklusive Wohnprojekte aus unserem WOHN:SINN-Netzwerk besucht und in Athen bereits ein ehrenamtliches Team aus der Organisation TANDEM begeistert hinter der Idee versammelt. Letztes Jahr im Sommer fand dann sogar ein internationaler Austausch zwischen behinderten wie nicht-behinderten Menschen von Tandem und dem Münchner Verein Gemeinsam Leben Lernen statt, der in Deutschland als einer der Pioniere inklusiver Wohngemeinschaften gilt.

Etwa 15 junge Erwachsene stehen auf einer Wiese in einem Kreis. Die Person vorne im Bild sitzt im Rollstuhl.
Foto: Internationaler Austausch zwischen TANDEM und Gemeinsam Leben Lernen e.V. auf Korfu


Wie ist es, eine inklusive WG in Griechenland zu gründen?

Nach sieben Jahren war es für mich höchste Zeit mal wieder nach Athen zu fahren und dort nicht zuletzt auch Ronja und ihre Kolleg*innen zu treffen. Ich lernte eine sehr engagierte und bunt zusammengewürfelte Gruppe kennen und wir tauschten sehr interessiert unsere Erfahrungen aus.

Ein erster Aspekt, den alle immer wieder betonen: Die Institutionalisierung von Menschen mit Behinderungen ist in Griechenland noch eine sehr große Sache. Ihren Erläuterungen nach schlagen sich behinderte Griech*innen entweder mit ihren Angehörigen und Freund*innen ohne professionelle Unterstützung durch oder sie leben in einer Institution.

Der Weg aus einer Institution heraus ist schwierig. Viele der Bewohner*innen haben keinen Personalausweis und können deshalb nicht mal ein eigenes Bankkonto eröffnen. Die staatlichen Unterstützungsgelder sind für persönliche Assistenz in aller Regel zu gering und folgen einer schwer zu durchblickenden Logik. Beispielsweise werden Menschen mit seelischen Behinderung und Menschen mit sog. geistigen Behinderungen häufig undifferenziert in die gleichen Einrichtungen „gesteckt“. Sie erzählen auch von Einrichtungen, die bei behinderten Menschen und ihren Angehörigen Ängste schüren, wenn sie ihre Institution verlassen möchten.

Damit einhergehend berichten sie von einer starken Stigmatisierung behinderter Menschen in der griechischen Bevölkerung. Dies sorgt bei vielen Eltern dafür, dass sie sich – als rechtliche Betreuer*innen – nicht vorstellen können, dass ihr behinderter Angehöriger in eine inklusive WG zieht, erläutert die Adoptivmutter eines behinderten Kindes. Ebenso sei das Selbstvertrauen behinderter Menschen nach einer längeren Zeit in einer Institution sehr gering, machen sie an privaten Beispielen deutlich.

Auf meine Frage nach dem Stellenwert der UN-Behindertenrechtskonvention, ist die Einschätzung der Initiative, dass sie nur schwer als Argumentationsgrundlage genutzt werden kann. Auch mit dem Argument, dass inklusive Wohngemeinschaften in München schon seit 30 Jahren erfolgreich bestehen, geht Ronja mittlerweile vorsichtig um. Auf einer Konferenz wurde sie sehr lautstark dafür angefeindet, in Griechenland ein deutsches Konzept durchsetzen zu wollen.

Es ist schwer und in gewisser Hinsicht auch unnötig die Erfahrungen in München und andernorts in Deutschland mit den Erfahrungen von TANDEM in Athen zu vergleichen. Um dennoch einen Versuch zu wagen: Mein Eindruck ist, viele Herausforderungen ähneln sich. Fremdbestimmtes Leben in Institutionen und der schier unmögliche Weg hinaus, ungenügende staatliche Unterstützung und gesellschaftliche Stigmatisierung stehen auch für viele behinderte Menschen in Deutschland an der Tagesordnung, vielleicht in Griechenland etwas drastischer. Die UN-BRK scheint mir in Deutschland einen höheren Stellenwert zu genießen, auch wenn sie bei Weitem noch nicht umgesetzt ist.

Selfie beim Treffen von Tobi mit Ronja und der Organisation Tandem. 10 Personen sitzen in einem Café um zwei Tische und lächeln in die Kamera.
Foto: Treffen von Tobi und der Organisation TANDEM in einem Athener Café


Wie soll die inklusive WG aussehen?

Wie kann sich aus der Idee, die Ronja in Deutschland kennengelernt hat, ein Wohnkonzept entwickeln, dass zu den Gegebenheiten in Athen passt und den Wünschen der Griech*innen entspricht, die dort einziehen wollen? Ist es überhaupt möglich und sinnvoll ein solches Wohnkonzept in ein anderes Land zu holen? Darüber macht sich die Initiative TANDEM gerade viele Gedanken.

Ihr Ansatz, den sie jetzt verfolgen wollen, ist meiner Meinung nach genau der richtige: Probieren geht über Studieren – und das mit möglichst viel Beteiligung. Aktuell steht eine Wohnung in Aussicht, die Platz für vier bis fünf Personen bietet. Barrierefrei ist sie leider noch nicht, die Auswahl der Bewohner*innen dadurch leider erst einmal eingeschränkt. Ihr Ziel ist, dass im September 2020 drei Personen aus einer Institution dort einziehen. Sie werden nach Motivation und Sympathie füreinander ausgewählt. Niemand soll vorher bereits zusammengewohnt haben, damit die institutionellen Routinen nicht in der WG übernommen werden. Hinzu sollen zwei Personen ohne Behinderung und institutionellem Hintergrund kommen.

Die behinderten WG-Bewohner*innen sollen mit professioneller Begleitung für sich herausfinden, ob die Wohnform die Richtige für sie ist oder sie sich langfristig etwas anderes wünschen (z.B. alleine oder als Paar in einer Wohnung wohnen). Die inklusive WG soll sozusagen eine Brücke aus der Institution in das selbstbestimmte Leben bauen.

Damit TANDEM dieses Projekt verwirklichen kann, muss es allerdings noch einige Hürden nehmen. Die größte Herausforderung ist die Finanzierung. In Deutschland sind inklusive Wohngemeinschaften zwar für die Projektentwicklung auf Zuwendungen angewiesen, im anschließenden Regelbetrieb finanzieren sie sich in den meisten Fällen aber nur noch aus öffentlichen Mitteln (z.B. Grundsicherung, Eingliederungshilfe, Pflegeversicherung). In Athen wird das Modellprojekt größtenteils nicht durch öffentliche Mittel finanziert werden können.

Wie kann ich helfen?

Spenden: Vielleicht organisierst Du privat eine Tombola, Dein Betrieb hat am Jahresende noch Budget übrig oder Du findest die Idee einfach so klasse, dass Du selbst was dazugeben willst? Jeder Betrag hilft.

Bank:Εθνική Τράπεζα της Ελλάδος (National Bank of GREECE)
IBAN: GR0801106820000068248000959
BIC: ETHNGRAA
Kontoinhaber: TANDEM – Astiki Mi Kerdoskopiki Etairia
Betreff: INCLUSIVE LIVING


Kontakte: Hast Du Bekannte in Athen, die mit anpacken wollen? Kennst Du eine tolle Stiftung, für die das Projekt spannend sein könnte? Wir freuen uns über jeden Kontakt.

Wissen: Hast Du schon einmal eine inklusive WG gegründet? Oder EU-Fördermittel beantragt? Steh Tandem mit Deinem Rat zur Seite.

Anmerkungen und weiterführende Informationen

Dieser Artikel ist ein Erfahrungsbericht und bitte auch so zu verstehen.

Erstens möchte ich keine „Wir Deutschen retten Griechenland“-Klischees befeuern, auch wenn in diesem Fall versucht wird, eine Idee aus Deutschland in ähnlicher Form nach Athen zu übertragen. Diese Chance ergibt sich letztlich nur durch den Einsatz und das Herzblut der engagierten Griechinnen und Griechen, die Ronja in Athen kennengelernt hat.

Zweitens liegt es weder in meiner Absicht noch in meinen Möglichkeiten, ein exaktes Bild von der Wohnsituation behinderter Menschen in Griechenland zu zeichnen. Wer tiefer in die im Artikel genannten Themen einsteigen möchte, findet hier ein paar weiterführende Links:

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