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Sexualität in der inklusiven WG - Kommentar zu "Die Berührerin" von 37° (ZDF)

Screenshot von "Die Berührerin" mit Schriftzug "Kommentar"
Vergangene Woche sah ich im ZDF ein Portrait von Edith Arnold, die Sexualbegleitung und -assistenz für Menschen mit Behinderungen anbietet. Gezeigt wurden mehrere Beispiele ihrer Tätigkeit. Diese reichten von intimen, alleinigen Momenten mit ihr bis hin zur Unterstützung eines Paares bei deren Sexualität, weil diese beispielsweise körperlich eingeschränkt sind. Schon während des Beitrags erwähnt sie, wie umstritten ihr Berufsbild ist und dass sie viel Kritik für ihre Arbeit einstecken muss. Nach der Sendung habe ich die Kommentare auf ihrer Facebook-Seite verfolgt und war teilweise positiv, teilweise aber auch sehr negativ überrascht von den Reaktionen der Leute. Die Diskussion hat mich dazu veranlasst, diesen Kommentar zu schreiben, da ich mich dank meiner inklusiven Wohnsituation selbst mit der Thematik beschäftige.

Kommentar von Carina Waldmann zur 37°-Sendung „Die Berührerin“ am 28.8.2018 im ZDF

„Weiblichkeit? Was war das? Mich als Frau zu begreifen oder zu fühlen, hatte mir niemand beigebracht, und niemand hatte mich aufgeklärt. […] mir wurde vermittelt, dass man als Behinderter ein Bedürfnis nach Nähe einfach nicht zu haben hat. Noch heute wird Behinderten ihr Anrecht auf Sexualität abgesprochen“ – Zitat einer Fernsehmoderatorin mit Glasknochen.

Dieses Zitat verwendete ich, eine in einer inklusiven WG wohnende Pädagogik-Studentin, in meiner Hausarbeit zum Thema Sexualität und Behinderung. Bei meiner damaligen Recherche bin ich auf viele ähnliche Aussagen behinderter Menschen gestoßen. Raul Krauthausen schreibt beispielsweise 2013 in seinem Blog über die 10 häufigsten Missverständnisse, mit denen sowohl körperlich als auch geistig behinderte Menschen im Bezug auf ihre Sexualität zu kämpfen haben. Als ersten Punkt nennt er die Fehlannahme, Menschen mit Behinderung hätten keine Sexualität. Dem entgegen betont er, dass „Der Wunsch, die eigene Sexualität zu leben, nicht von einer Behinderung gemindert wird. Die meisten Menschen mit Behinderung sind natürlich auch an Sex interessiert.“

Nun werden sich Einige beim lesen meines Kommentars zurecht denken, dass dies ja nun keine neuen Erkenntnisse sind. Für mich waren sie es damals zumindest teilweise. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich mir durchaus darüber bewusst bin, dieses Thema nur aus einer nicht-behinderten Perspektive aufgreifen zu können. Wie bei jedem anderem Thema finde ich es auch hier extrem wichtig, Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Deshalb werde ich im Folgenden auch nur von meinen Gedanken und Erfahrungen erzählen.

Vor etwa 5 Jahren bin ich in meine inklusive WG eingezogen. Bei uns wohnen sechs Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung zusammen mit vier Studierenden. Als Gegenleistung für mietfreies wohnen, leisten wir Studierenden eine gewisse Stundenzahl an Diensten. Dazu gehört neben gemeinsamen Ausflügen etc. auch Assistenz bei der Körperpflege, beispielsweise beim Baden. Ich muss zugeben, dass dies am Anfang nicht leicht für mich war, da ich es als sehr intim empfand. Jedoch merkte ich schnell, dass es für meine behinderten Mitbewohner*innen Normalität war, sich nackt zu zeigen, sodass auch ich letztendlich meine Bedenken ablegte. Was mir allerdings dabei half, war die Tatsache, dass ich nichts Sexuelles damit in Verbindung brachte.

Und hier liegt denke ich ein enger Zusammenhang zu den vorher genannten Zitaten. Menschen mit Behinderung sind es häufig gewohnt, sich intim zu zeigen. Sie haben meist gar keine andere Wahl. Auch für die Pfleger*innen, die Assistenz etc. ist dies Alltag und wird somit – denke ich – nicht sexuell bewertet. Aber muss die Tatsache, dass ich den Körper meines Mitbewohners nicht sexuell sehe gleich bedeuten, dass er keine eigene Sexualität hat? Spreche ich als Betreuerin meinem Mitbewohner in diesem Fall seine Sexualität ab?

Genau darüber haben wir in der Teamsitzung unserer WG schon öfters gesprochen. Wir alle sind der Meinung, dass jeder Mensch ein Recht auf Sexualität hat und auch jeder Mensch – mit einigen Ausnahmen natürlich – Sexualität spüren und erleben möchte. Allerdings möchte ich für meine Arbeit weiterhin eine klare Grenze ziehen und meinen Mitbewohner*innen nicht dabei helfen, ihre Sexualität zu entdecken. Genau deswegen sind wir damals auf die Idee einer Sexualbegleitung gekommen.

Hierbei finde ich es sehr wichtig, die Überlegungen und Entscheidungen immer im gemeinsamen Dialog zu treffen. Was, wenn mein Mitbewohner tatsächlich gar kein Interesse daran hat? Oder es im Gegenteil sogar ein lang gehegter Wunsch ist?

Natürlich wäre es am Schönsten, meine Mitbewohner*innen würden Partner*innen finden und könnten ihre Sexualität somit gemeinsam entdecken und ausleben. Glücklicherweise haben wir auch ein Ehepaar in der WG! :) Allerdings ist es bei einigen so, dass sie sich sehr schwer in der Partnersuche tun und somit keine Möglichkeit haben, Sexualität mit jemand Anderem zu erleben.

Dank des ZDF-Beitrags haben wir noch einmal intensiver über das Thema Sexualbegleitung gesprochen und ich merke, dass mir doch noch ziemlich viele Fragen im Kopf schwirren:

Woher wissen wir, ob das, was die Sexualbegleitung macht, immer im gegenseitigen Einverständnis ist, wenn einige meiner Mitbewohner sich schwer äußern können?

Können meine Mitbewohner*innen klar unterscheiden, mit wem sie ihre Sexualität ausleben dürfen und wer nur für die Pflege zuständig ist?

Sexualassistenz, oder Sexualbegleitung?

Wie finden wir eine geeignete Person, bzw. woher wissen wir, ob wir der Person vertrauen können?


Zum Abschluss möchte ich aber gerne noch auf das Grundgesetzbuch verweisen, in welchem ganz klar steht: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit...“ Artikel 2 Absatz 1 GGB. Bringt man dies in Zusammenhang mit Artikel 3 Absatz 1 „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, sowie Absatz 2 „[...] Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“, lässt sich aus den beiden Artikeln unmissverständlich schließen, dass Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung genauso ein Recht auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben, wie alle anderen Menschen. Dass dazu auch die Entwicklung der Sexualität gehört, dürfte klar sein.

Foto: (c) ZDF

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